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Schnarrend begann Frau Habicht ihre Stunde: „Jean-Baptiste-Pierre-Antoine de Monet, Chevalier de Lamarck lebte von 1744 bis 1829 und arbeitete im Königlichen Garten von Paris, der später in das Museum der Naturgeschichte ...“
Ihre Stimme wurde leiser und leiser, bis sie schließlich ganz verhallte, und während Lukas die Nasenlöcher und Brauen Lamarcks schwärzte, schien es, als lächele der Wissenschaftler ihn an. Lukas kniff die Augen zusammen und presste die Handballen auf die Lider. Plötzlich hörte er Vögel singen, es duftete nach frischen Blumen, und Wind fuhr ihm durch die Struwwelhaare.
„Vorsicht, junger Herr“, mahnte eine leicht näselnde Stimme neben ihm, und als Lukas die Augen öffnete, schritt er auf einer von niedrigen Hecken gesäumten Allee durch einen barocken Garten. Links und rechts blühten in streng abgegrenzten Feldern farbenprächtige Blumen, und zwischen den Beeten führten breite Kieswege rechtwinklig zu runden Plätzen mit Springbrunnen und Marmorfiguren.
Lukas sprang zur Seite. Beinahe wäre er in Pferdemist getreten. „Danke!“
„Keine Ursache“, sagte sein Begleiter und nickte ihm freundlich zu.
Lukas sah sich ungläubig um. Der Mann neben ihm sah genauso aus wie der aus dem Biologiebuch, nur etwas dünner und kränker und außerdem in Farbe und in Fleisch und Blut. Er trug einen blauen Rock mit hochgestelltem Kragen und stützte sich auf einen schwarzen Stock mit Silberknauf. Mit diesem zeigte er geradeaus auf ein marmorweißes Gebäude mit großer Freitreppe und zwei runden Ziertürmen.
„Das Museum der Naturgeschichte. Hier arbeite ich“, sagte er.
Lukas folgte dem Mann zu einem Seiteneingang.
„Weniger prunkvoll, aber nützlich.“
Sie betraten einen langen Gang, von dem mehrere Türen abgingen. An einer blieb der Alte stehen und kramte einen Schlüssel aus der Tasche. „J. B. de Lamarck“ war hier angeschlagen.
Sie traten ein.
Durch hohe Fenster fiel Licht in einen weitläufigen Raum. In der Mitte stand ein großer Tisch, und darauf türmten sich allerlei Bücher und Kästen mit Glasdeckeln, in denen sich aufgespießte Insekten und Spinnen befanden. Gläser mit eingelegten Würmern standen in Regalen, daneben lagen jede Menge Versteinerungen und auch zwei Pflanzenpressen. Überall an den Wänden hingen neben farbigen Tierbildern große Tafeln hinter Glas, auf denen noch mehr Insekten und Spinnen ausgestellt waren. Direkt am Fenster waren ein Mikroskop und ein Teleskop aufgebaut. In der Ecke daneben stand ein Notenständer und davor, an einem samtbezogenen Hocker, lehnte eine Bassgeige.
„Ja, schau dich nur um“, sagte Lamarck und hängte seinen Mantel auf einen Bügel. „Hier haben sie mich eingepfercht. Sie haben mir die Insekten und Würmer übertragen, mir, einem Botaniker!“ Er schüttelte den Kopf, als könne er es immer noch nicht fassen. „Das muss jetzt ...“, er schürzte die Unterlippe, während er nachdachte, „ ... fast 15 Jahre her sein. Ja, genau, 1793 habe ich meine Professur angetreten, und noch immer bin ich nicht fertig mit dem Sortieren.“ Mit einer ausholenden Handbewegung deutete er auf die Unordnung. „Ein einziges Chaos, das Insektenreich, junger Herr. Da war überhaupt nichts geordnet. Die Spinnen haben sie damals noch dazugezählt und die Krustentiere. Ich sage es ja, ein einziges Chaos! Aber ich räume damit auf. Tee?“
Lukas nickte, und Lamarck zog an einem Klingelstrang. Kurz darauf steckte eine junge Frau mit ernsten Zügen den Kopf in das Studierzimmer.
„Cornelie, bring mir und meinem geschätzten Gast doch bitte eine Kanne schwarzen Tee.“
„Gerne, Vater“, antwortete sie und verschwand wieder.
„Die Einteilung der Organismen in größere und kleinere Gruppen ist eine wichtige Arbeit, mein Freund. Aber das vergleichende Studium der Lebensvorgänge ist die ernsthafteste und vornehmste Aufgabe eines Naturwissenschaftlers. Was ist der Grund für die herrliche Vielfalt auf unserer Erde? Das gilt es herauszufinden. Diese Aufgabe ist so gewaltig an Material und Studienobjekten, dass ihr eine eigene Wissenschaft gebührt. Ich nenne sie Biologie, aus dem Griechischen: bios logos, die Lehre vom Leben. Was hältst du davon?“
Lukas nickte: „Gefällt mir gut“, antwortete er und dachte daran, wie häufig er dieses Wort schon verwendet hatte. Biologieunterricht hatte er dreimal die Woche, und von biologisch abbaubar und biologischer Schädlingsbekämpfung redete seine Mutter andauernd.
Lamarck lächelte und räumte eine Ecke des Tischs frei. Sie setzten sich, und kurz darauf kehrte Cornelie mit dem Tee zurück. Sie schenkte ein und verrührte etwas Honig und einen Tropfen Milch in den Tassen.
„Vielen Dank“, sagten Lamarck und Lukas.
„Aber du bist sicher nicht gekommen, um über Spinnen und Krustentiere zu reden, sondern um etwas über die Entstehung der Merkmale zu erfahren.“
„Genau!“ Lukas lächelte.
Lamarck deutete aus dem Fenster: „Sieh hinaus! Um meine Lehre zu verstehen, musst du wissen, dass alles auf der Oberfläche unserer Erde ständigen Veränderungen unterworfen ist. Das geschieht mehr oder weniger schnell, es kommt eben ganz auf die Natur der jeweiligen Sache an. Berge zum Beispiel werden durch die Kräfte der Sonne und des Regens langsam abgetragen, Flussbetten und Meeresbecken verändern ihre Gestalt ständig, aber meist unmerklich. Das Leben reagiert auf die Kräfte der Natur. Lässt diese zum Beispiel die Erde in einem großen Beben aufbrechen und einen völlig neuen See entstehen, so muss sich das Leben an die neuen Umstände anpassen. Verstehst du, was ich sage?“
„Ja, natürlich“, antwortete Lukas.
„Der neue See in unserem Beispiel schafft neue örtliche Bedingungen, und durch diese Bedingungen entstehen neue Bedürfnisse in einem Lebewesen. Die Ente muss neue Eigenschaften entwickeln, um sich aus dem See ernähren zu können. Diese werden antrainiert, und über Generationen werden neue Organe geschaffen und alte verworfen. Neue Arten entstehen. Verstehst du?“
Lukas schüttelte den Kopf.
„Komm mit, ich zeige dir, was ich meine.“
Sie traten ans Fenster und blickten hinaus auf einen See. Ein seltsamer Vogel stakste am Ufer umher. Er sah aus wie eine Ente, aber mit Krähenfüßen.
„Was ist das?“, fragte Lukas.
„Eine Ente, aber ohne Entenfüße. Eine Uferente“, antwortete Lamarck mit einem verschmitzten Lächeln.
Der Vogel watschelte ins Wasser und ruderte heftig mit den Beinen, kam aber nicht sonderlich schnell voran.
„Im Wasser gibt es die reichhaltigste Nahrung, und unsere Ente ist hungrig“, erklärte Lamarck. „Sie muss also in den See. Leider macht es ihr noch große Mühe, Leckerbissen zu erhaschen. Aber sieh!“
Die Ente watschelte wieder ans Ufer, hob den rechten Fuß und streckte mit aller Kraft die Zehen. Dabei streckte sie den Kopf, um die Balance zu halten, weit nach links. Nun hob sie den linken Fuß, streckte auch diesen und schwenkte mit dem Kopf nach rechts, dann wieder den rechten Fuß und so weiter. Der Sommer ging ins Land, die Ente streckte mühsam ihre Füße, der Herbst kam und immer noch streckte die Ente die Zehen lang, ohne umzufallen. Bald hatte sich die Haut zwischen den Zehen etwas gedehnt. Schließlich erhob sie sich und flatterte davon, und kurz darauf fiel der erste Schnee.
Verwundert drehte sich Lukas um und blickte zur großen Standuhr im Zimmer. Ein mächtiges Pendel schwang langsam hin und her – es waren noch keine zehn Minuten vergangen.
Der Winter endete, die Ente kehrte mit einem Erpel zurück. Eier wurden gelegt und bebrütet, dann streckten sowohl Mama als auch Papa Ente samt ihrer Kinderschar die Zehen und schnatterten wild durcheinander. Und weiter wurde gestreckt, und im folgenden Jahr balancierten schon drei Generationen Enten auf einem Fuß, streckten die Zehen und schnatterten wild durcheinander, wie um sich gegenseitig anzustacheln.
Schon bald sah Lukas bei den Nachkommen erste Erfolge. Die Haut zwischen den Zehen war von Geburt an gespannt und erleichterte ihnen das Schwimmen. So streckte sich die Haut von Generation zu Generation mehr, und bald watschelten Entenküken mit voll ausgebildeten Schwimmhäuten lustig quakend ins Wasser und paddelten flink umher.
„Die Ente muss in dem See nach Nahrung suchen. Durch das Strecken der Zehen hat sich die Haut ans Dehnen gewöhnt, und so sind die Schwimmhäute entstanden“, erklärte Lamarck. „Dieses neu erworbene Merkmal hat sie an ihre Nachkommen weitervererbt.
Solche Beispiele gibt es zu Hunderten, du musst nur die Augen offen halten. Denn das ist das Wichtigste überhaupt in der Naturwissenschaft: die Augen offen halten und immer alles in Frage stellen. Schau, der rosa Vogel dort!“
„Noch eine Ente?“, fragte Lukas.
Lamarck nickte. „Beinahe. Sieh, der Schnabel ist länger und am Ende gebogen. Dieser Vogel muss ebenfalls zur Nahrungsaufnahme ins Wasser, mag sich den Körper aber nicht benetzen.“ Sie beobachteten, wie Generationen von angehenden Flamingos die Beine und Hälse streckten, bis zum Bauch ins Wasser wateten und es angewidert wieder verließen, wenn ihnen die Federn nass wurden. Irgendwann waren sie jedoch groß genug und wateten, glücklich mit den Schnäbeln klappernd, in den See, wo sie sich an kleinen Krebsen und Fischen gütlich taten.
„Sieh, wie wenig sie das Wasser mögen. Jetzt stehen sie sogar nur noch auf einem Bein! Du siehst, Lukas, das Leben passt sich aktiv den natürlichen Umständen an! Das Ergebnis der harten Arbeit unserer Ente wurde auf ihre Nachkommen übertragen und so weiter, bis schließlich eine ganz neue Art entstanden ist.“
Lukas dachte über Lamarcks Ausführungen nach. Sein Blick fiel auf die eingelegten Würmer im Regal. „Schlangen und Würmer haben gar keine Beine. Haben sie die wieder verloren?“
Lamarck hob den Zeigefinger. Seine Augen leuchteten. „Sehr gut, junger Mann, sehr gut! Obwohl nicht ganz richtig. Denn die Schlange ist ein Reptil und gehört somit zu den Wirbeltieren, und der Wurm gehört zu den Wirbellosen.
Die Schlange hat ihre Beine verloren, als sie nicht mehr mit ihnen gelaufen ist. Sie hat sich ans Kriechen gewöhnt, und über Generationen wurden die Beine kürzer und der Körper länger und schmaler. Schließlich wuchsen die Beine gar nicht mehr.
Der Wurm dagegen hatte noch niemals Beine, denn dazu müsste er erst einmal Knochen entwickeln.“
„Würde die Ente die Schwimmhäute wieder verlieren, wenn der See austrocknete?“
Lamarck nickte: „Ständiger Gebrauch eines Organs führt zu dessen Stärkung und Weiterentwicklung, ständiger Nichtgebrauch erst zum Verkümmern und dann zum Verschwinden desselben.
Verschwände der See, so verschwände ebenso das Bedürfnis der Ente, in ihm zu schwimmen. Du siehst, jedes Individuum entwickelt sich in seiner jeweiligen Umgebung bis zur Perfektion. Für weitere Veränderungen müsste sich zuerst der Lebensraum wieder wandeln.“
Wieder dachte Lukas nach: „Aber wenn sich jedes Tier zur Perfektion entwickelt, dann verschwinden die einfachen Arten ja irgendwann, oder?“
Lamarck strahlte: „Genau das wäre der Fall, würden nicht aus der Urgallerte immer wieder neue Urorganismen geschaffen. Wenn die äußeren Bedingungen stimmen, entsteht Leben spontan aus toter Materie. Einfaches Leben, möchte ich einschränken. So wird also lebende Materie aus toter Materie geschaffen. Der Prozess kehrt sich um, wenn Lebewesen sterben. Dann zerfallen sie zu toter Materie. Die Urorganismen entwickeln sich je nach Bedürfnis zu höheren Lebewesen. Außerdem entwickeln sich die Tiere ja nur weiter, wenn neue Bedürfnisse durch neue Bedingungen geweckt werden. Ist eine einfache Art zufrieden mit ihrem Dasein, wird sie sich auch nicht verändern müssen.“
„Und wie kommt es, dass ich eine Krankheit ererbt habe? Haben sich meine Vorfahren gedacht, jetzt werden wir aber mal so richtig krank und geben das an unsere Nachkommen weiter? Wo steckt da der Sinn?“
Lamarck legte die Fingerspitzen aneinander: „Ich gebe zu, da hat meine Theorie noch ein paar Lücken, denn diese Frage kann ich dir nicht beantworten.“ Er stand auf und holte aus einem Schränkchen eine Schale mit Pralinen hervor. „Hier, die hast du dir verdient. Ich wünschte, die anderen wären so vernünftig wie du.“
„Die anderen?“, fragte Lukas. Momentan hatte er zwar keinen Appetit, nahm sich aber aus Höflichkeit doch eine Nusspraline und steckte sie in die Tasche seiner Strickjacke.
„Cuvier, dieser Dickschädel, und seine kurzsichtige Bagage!“, rief Lamarck und ballte die Rechte zur Faust. „Weißt du, ich schaue mir Fossilien an und sehe, wie manche den heutigen Arten ähneln. Im Laufe der Erdgeschichte haben sich also die Organismen verändert. Fossilien sind demnach die Überbleibsel von den Vorläufern jetziger Arten, meine ich. Cuvier dagegen glaubt, dass Fossilien die Überbleibsel von Arten sind, die durch riesige Naturkatastrophen vernichtet wurden. Nach den Katastrophen soll Gott dann wieder neue Arten geschaffen haben. Was für ein Unsinn! Nimm dir ruhig noch eine Praline.“
Lukas griff noch einmal in die Schale. „Glaubst du denn nicht an Gott?“
„Natürlich glaube ich an Gott! Wer könnte denn nicht? Gott ist der kreative Schöpfer, die Kraft hinter allem, der allumfassende Wille. Die Natur hingegen ist blind, ohne Absichten oder bewusste Ziele. Sie funktioniert nach Gesetzen, die von aller Theologie komplett getrennt betrachtet werden können. Und es sind diese Gesetze, die alle Organismen geschaffen haben. Lebewesen sind daher keine direkten Kreationen Gottes.
Der Natur wohnt eine produzierende Kraft inne. Sie schafft lebendige Organismen aus toter Materie, das habe ich dir schon erklärt. Das Leben ist also ein physikalisches Phänomen und kein spirituelles. Und daher ...“ Nun hob Lamarck den Finger und sah Lukas eindringlich an: „... daher ist das Leben wissenschaftlichen Untersuchungen zugänglich. Es ist also völlig unangebracht, von Seelen oder Lebensgeistern zu sprechen, denn die Physik liegt allem zu Grunde!“ Lukas schwieg und sah Lamarck mit großen Augen an.
Dieser räusperte sich und suchte nach einem passenden Vergleich: „Gott ist sozusagen der Uhrmacher, die Natur ist die Uhr. Ich interessiere mich alleine für die Uhr. Dadurch erkenne ich zwangsläufig auch den Uhrmacher an. Doch um die Uhrzeit abzulesen oder mich am Ziffernblatt zu erfreuen, brauche ich mich nicht dem Uhrmacher zuzuwenden.
Das verstehst du doch, oder?“
Lukas nickte.
„Aber zurück zur Vererbung. Sieh dir das an!“ Lamarck holte ein Kästchen vom Regal, das mit einer Glasplatte verschlossen war. Darin lag eine mumifizierte Affenleiche.
Lukas verzog das Gesicht und wich automatisch zurück. Als Nächstes holte Lamarck ein Bild von einem Affen von der Wand und legte es neben die Mumie.
„Die hat mir mein Freund Geoffroy Saint-Hilaire aus Ägypten mitgebracht. Er hat unseren Kaiser Napoleon dorthin begleitet. Nun? Was siehst du?“ Lamarck deutete auf die Mumie und das Bild. „Vergleiche sie!“
Lukas starrte auf die Affen. Sicher, der eine war tot und verschrumpelt und der andere gemalt. Aber sie sahen sich beide ähnlich. Das sagte er Lamarck, und dieser nickte betroffen.
„Und genau das hält mir Cuvier vor. Er arbeitet hier im Museum als Anatom und Zoologe. Auf seinem Gebiet besticht er als hervorragender Wissenschaftler, aber die Vererbung von Merkmalen versteht er nicht“, erklärte Lamarck, als er Lukas’ fragenden Blick bemerkte. „Diese Mumie ist zwei- bis dreitausend Jahre alt. Affen haben sich während dieser langen Zeit überhaupt nicht verändert. Also können Lebewesen wohl kaum andauernden Veränderungen unterworfen sein, glaubt Cuvier.“
Lukas sah aus dem Fenster auf die Enten und dachte darüber nach, was er gelernt hatte. „Aber die Veränderungen brauchen doch viele Generationen! Und was ist, wenn sich die Umgebung in Ägypten nicht geändert hat, dann brauchten sich doch auch die Affen keinen neuen Bedürfnissen anzupassen, oder?“
Die Bitternis in Lamarcks Zügen wich einem erschöpften Lächeln: „Das sage ich ja. Sie stimmen mir sogar in diesem Punkt zu: Der Lebensraum hat sich in Ägypten nicht verändert. Denn hätte er es getan, wären die Affen dort ausgestorben, da jedes Lebewesen für seinen Lebensraum geschaffen worden und nicht fähig zur Wandlung sei. Außerdem, wie viele Generationen soll es denn geben, argumentieren sie. Die Welt sei doch nur 6000 Jahre alt, und wenn während der halben Zeit nichts passiere, könne meine Theorie doch wohl nicht viel taugen.“
„Nur 6000 Jahre?“ Das schien Lukas etwas kurz, denn die Dinosaurier hatten doch vor 120 Millionen Jahren gelebt.
Lamarck zuckte mit den Schultern. „Ich halte das ja auch für Unsinn. Aber was soll ich gegen die ausrichten?“ Er machte eine weitläufige Handbewegung, die das ganze Museum, vielleicht sogar die ganze Welt einzuschließen schien. „Die Bibelhistoriker schätzen das Alter der Welt auf zwischen 3483 Jahre und 6984 Jahre, und James Ussher, der Erzbischof von Armagh, datiert den Beginn der Schöpfung sogar auf die Stunde genau auf den 11. Februar 4003 vor Christus um sechs Uhr abends. Noch dazu argumentieren andere kluge Köpfe, dass die Welt nicht sehr alt sein kann. Denn sonst wären die Seebecken alle bis zum Überlaufen mit Regenwasser gefüllt und das Rote Meer komplett mit Korallen zugewachsen!“
Lukas lachte laut auf.
„Ja, lach du nur. Aber ich fühle mich, als müsste ich mit einem Löffel den Museumsteich ausschöpfen.“ Er seufzte. Lukas sah aus dem Fenster auf den Wetterhahn, der auf dem spitzen Turm des gegenüberliegenden Gebäudes warnend in der Sonne blinkte. Dann rief Lamarck plötzlich: „Es ist zum Verzweifeln mit dir, Lukas!“, und schlug mit der Hand heftig auf die Tischplatte.
***
Lukas schreckte hoch und sah direkt in Frau Habichts Messeraugen. „Ich wiederhole: zum Verzweifeln! Wenn dir mein Unterricht schon zu langweilig ist, dann kritzle halt irgendetwas auf ein Blatt Papier. Aber vor aller Augen aus dem Fenster zu träumen ist sehr unhöflich!“ Sie wandte sich an die Klasse: „Und ihr, ab nach Hause. Ich möchte mich mit unserem Tagträumer noch kurz unter vier Augen unterhalten.“
Lukas hob den Blick nicht einen Fingerbreit von der Tischplatte, während seine Klassenkameraden das Zimmer verließen. Als sie gegangen waren, sagte Frau Habicht: „Was soll ich nur mit dir anfangen, du Traumtänzer? Du weißt doch, dass die Hälfte der Zensur durch die mündliche Mitarbeit bestimmt wird. Und die ist bei dir nicht existent. Dabei sitzt doch ein helles Köpfchen auf deinem Hals, wenn du es nur einmal benutzen würdest.“
„Ja, Frau Habicht.“
„Willst du die Klasse noch einmal wiederholen? Es sieht ganz danach aus. Doch bezweifle ich, dass das etwas brächte. Du würdest einfach auch das nächste Jahr verträumen. Deswegen will ich dir eine Chance geben.“ Sie blätterte Lukas’ Biologiebuch um. „Die nächste Unterrichtseinheit handelt von Charles Darwin. Ich möchte, dass du dich auf deine vier Buchstaben setzt und ein Referat über Darwin vorbereitest. Du sollst seine Theorie verteidigen. In höchstens 20 Minuten.“
„Ja, Frau Habicht.“
„Dein ewiges ,Ja, Frau Habicht’ geht mir ganz schön auf die Ketten. Hörst du mir überhaupt zu? Ich muss mich doch nicht mit deinen Eltern unterhalten, oder?“
„Nein, Frau Habicht.“
Die Lehrerin seufzte. „Gut, nun ab mit dir nach Hause. Für das Referat hast du das Wochenende Zeit. Das solltest du schaffen. Es steht ja alles in dem Schulbuch.“
Lukas packte Federtasche, Block und Buch in den Ranzen, sagte artig „Auf Wiedersehen, Frau Habicht“ und verließ das Klassenzimmer.
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