habichtzeit  

lukas

In hohem Bogen warf Lukas ein Stück Brot in den Schulteich und freute sich an den Enten, die sich laut quakend darauf stürzten. Eine ergatterte es und flüchtete flügelschlagend über das Wasser, gefolgt von einer schnatternden Meute. Sobald eine Krume durch die Luft flog, setzten ihm die Spatzen nach, und manch einer fiel seiner Gier zum Opfer und landete beinahe im Teich. Erst im letzten Moment bremsten sie ihren Flug und überließen schimpfend den Enten das Feld.


„Warum haben die denn nicht auch Paddelfüße?“, fragte sich Lukas. „Dann könnten sie sowohl auf dem Land herumhüpfen als auch schwimmen.“
„Weil sie dann von den Ästen fielen, du Traumtänzer!“, unterbrach eine Jungenstimme seine Gedanken.
Stefan stellte sich neben ihn und prellte lässig einen Fußball. „Spielst du mit?“ Er deutete auf den Schulhof, wo die Jungs mit Ranzen ein Tor markiert hatten. „Wir brauchen noch einen Mann.“
Lukas zögerte. Einerseits hätte er schon sehr gerne mit den anderen gespielt, allerdings stand Lisa nahebei und feuerte die Jungs an. Vor ihr wollte er sich keinesfalls blamieren, also schüttelte er den Kopf.
„Komm schon. Du kannst ja deine Knie- und Ärmelschützer anziehen und deinen Helm natürlich auch. Wirst schon nicht verbluten.“ Stefan fuhr erschrocken mit dem Arm durch die Luft und verscheuchte ein Insekt. „Verdammte Wespen!“, fluchte er und sprang einen Schritt zurück.
„Das ist keine Wespe, sondern eine Schwebfliege. Die ist ganz harmlos.“
„Wenn es nach Wespe aussieht, wird es wie Wespe behandelt! Na, was ist nun, spielst du mit?“
Lukas wich Stefans Blick aus und schüttelte den Kopf.
„Lass die Memme in Frieden und komm!“, rief jemand vom Schulhof. „Die große Pause dauert nicht ewig.“
Stefan sah Lukas mitleidig an: „Übertreibst du nicht ein wenig mit deiner Färbkrankheit? Kannst doch nicht ewig Brot in den See werfen!“ Damit wandte er sich um und lief zurück zum Spielfeld.


Lukas sah ihm nach, wie er den Ball zu den anderen schoss und damit das Spiel begann. Muss der unbedingt mit der alten Färbergeschichte kommen?, dachte er verärgert. Er wandte sich wieder den Vögeln zu. „Aber warum haben die Vögel keine Hände an den Flügeln? Damit könnten sie sich doch noch viel besser in den Bäumen festhalten. Fledermäuse haben doch auch Greifkrallen, warum nur die Spatzen nicht? Muss mal Großvater fragen“, sagte er zu sich selber.
Es klingelte zur Stunde.
„Habichtzeit!“, stöhnte Lukas, streute die letzten Krumen unter die Vögel und schlurfte widerstrebend ins Klassenzimmer.

***

„Lukas, ich glaube, der gehört dir!“, rief Frau Habicht in die Klasse und wedelte mit einem Schülerausweis.
Lukas trat ans Lehrerpult.
„Du musst lernen, besser auf deine Sachen aufzupassen!“, sagte sie und schaute mit ihrem Stechblick anklagend auf Lukas herab, dann mit einem Lächeln auf den Ausweis. „Hier, und nun ab auf deinen Platz!“
„Ja, Frau Habicht“, antwortete Lukas mit leiser Stimme. Er ging zurück zu seinem Tisch und errötete, als er die Augen der ganzen Klasse auf sich ruhen spürte.
„Heb gefälligst deine Füße, Lukas!“, mahnte die Lehrerin.
„Ja, Frau Habicht.“
Er setzte sich. Mit einem Schulterzucken steckte er den Ausweis in seinen Ranzen. Er machte sich nicht die Mühe aufzuschauen. Lukas wusste, dass die Jungs von der hinteren Bank heimlich über ihn lachten und nur auf einen wütenden Blick von ihm warteten. Betont gelangweilt schaute er aus dem Fenster und gähnte verhalten.
Noch eine Stunde bis zum Wochenende.


Der Wetterhahn auf dem Kirchturm stand gerade so, dass er die Sonnenstrahlen direkt in Lukas Augen warf. Lukas blinzelte ihm zu. Die Habicht ist todlangweilig. Kannst du die Turmuhr nicht ein bisschen anschubsen? dachte er. Als der Wind den Hahn umschwenkte, schien es ihm, als schüttle dieser bedauernd den Kopf. „Das Biologiebuch, Lukas!“, zerschnitt Frau Habichts Stimme die Luft.
„Ja, Frau Habicht“, antwortete er automatisch und wühlte in seinem Ranzen nach dem Schulbuch. Er schaute auf den Nachbartisch, um die richtige Stelle herauszufinden und schlug es auf.
„Vererbungslehre“, prangte in dicken Buchstaben auf der Seite und darunter stand ein Inhaltsverzeichnis des Kapitels. Lukas blätterte um. Eine farblose Büste schaute ihn mit kleinen, traurigen Augen aus dem Buch heraus an. Darunter stand in schnörkeligen Buchstaben: „Lamarck“. Stolz und Bitterkeit lagen in Lamarcks Zügen, die Nase war stark, die Stirn mächtig und kahl, der Schädel nur von wenigen Haaren umkränzt.
Lukas holte Buntstifte hervor und begann, den Kopf auszumalen, während Frau Habicht mit ihrem Vortrag anfing. Das würde ihn vom Einschlafen abhalten, hoffte er.